Kategorie: Allgemein, Alumni, Pressemitteilungen, VIMA
Author: esb/pr-krk, Andrea Greiner
John Wayne trifft Schwarmintelligenz
Prof. Dr. Ottmar Schneck im Studium Generale über „Generation Y und Z – Eine Zumutung für Schule, Hochschule und Arbeitgeber?“
Mittwochabend, kurz nach sechs. Ein Hörsaal voll Interessierter am dritten Termin des Studium Generale der Reutlinger Hochschulen HS Reutlingen, Theologische Hochschule Reutlingen, ekhg und PH Ludwigsburg. Mit teilweise gezielt provokanten Thesen diskutierte der Dekan der ESB Business School die Frage, was nur mit der neuen Studentengeneration los seiund ob und wie die Hochschulen damit fertig würden.
Im ersten Teil des Vortrags – unter dem nicht ernst gemeinten Motto „früher war alles besser“ – betonte Prof. Dr. Schneck den Unterschied zwischen früheren und heutigen Generationen. Gerade der Begriff „Generation“ habe sich neu definiert. Wurde dieser früher noch demographisch als alle innerhalb einer Heiratsspanne Geborenen verstanden, so beschreibt er heute eine Gemeinschaft aus Menschen, die dieselben Werte teilen. Eben diese Werte haben sich im Laufe der Nachkriegszeit stark verändert.
Bei der launigen Einteilung der Generationen auf Basis empirischer Studien bezeichnete Schneck sich und seine Generation als die „Babyboomers“ (Jahrgänge 1950 bis 1960), eine Generation, die gerne nach Italien fahre, schwarzen Kaffee trinke, pflichtbewusst handele, John Wayne als Vorbild habe und ganz getreu dem Motto lebe „es gibt immer was zu tun“: Die Konformisten.
Die Jahrgänge 1970 bis Anfang der 80er, die sogenannte Generation X, beschrieb der Referent als Idealisten, die gerne Spaß haben, schon eher Toskana-Urlaub machen, zu McDonalds gehen und immerhin eine „Latte“ statt schwarzem Kaffee trinken.
Die Generation Y (geboren Anfang der 80er bis 2000) begrüßte Schneck feierlich mit „Willkommen, Ihr Egoisten!“ Die Wertegemeinschaft der heutigen Studenten wolle sich selbstverwirklichen, gehe nach Australien und trinke ihren Kaffee bei Starbucks – aber wehe, hinter ihnen in der Schlange nähme einer den gleichen Kaffee-Mix! Individualisten seien sie; die Generation „Why“, die stets überlege, warum sie etwas überhaupt tun solle, welchen Nutzen es ihr bringe.
Schnecks Blick auf die neue Generation Z, spätestens, musste bei den Zuhörern (die größtenteils den „Babyboomers“ angehörten) ernsthafte Bedenken über die Zukunft auslösen. Die Literatur spreche hier von Tyrannen. Um beim Kaffeebeispiel zu bleiben, beschrieb er, wie sich die jüngste Generation ihren Kaffee individuell und als Rechtsanspruch im Onlineshop bestelle, dabei auf sämtliche Gütesiegel achte, sich in das nächste Flugzeug setze und den Kaffee persönlich in Costa Rica abhole – natürlich nur mit einem Emissionszertifikat von Greenpeace.
Nach dieser ironischen und absichtlich provokanten Abgrenzung der Wertegemeinschaft, für die Schneck viele Lacher aus dem Publikum erntete, widmete er sich ernsthaft dem Thema, wie und vor allem ob Werte von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden sollten.
Die wichtigste These sei, dass Werte nicht durch „Vorlesen“, sondern nur durch aktives Vorleben weitergegeben werden können. Am Beispiel der Hochschulen betonte der Referent, dass Ethik-Codes rein auf dem Papier nichts bringen, würden die Werte nicht von DozentInnen, MitarbeiterInnen und StudentInnen gelebt. Eine aktuelle Umfrage an deutschen Hochschulen von ESB Business School-Professor Schütz zeigte, dass viele dieser Hochschulen noch kein solches Leitbild aufgebaut haben und sich lediglich darauf beschränken, Ethik-Veranstaltungen in den Semesterplan aufzunehmen.
Doch was geschieht, wenn es kein Leitbild für eine Wertegemeinschaft gibt? Tendenziell suche sich laut Prof. Dr. Schneck jede Generation ihre eigenen Werte und dies geschehe teilweise aus Trotz gegenüber der vorigen Generation. Welche Werte kennzeichnen die jüngsten Generationen Y und Z ?
Die Wertegemeinschaft der heutigen Studenten (Generation Y) sei risikoavers. Sie wisse: Wenn etwas schiefgehe, helfen die Eltern. Dies führe zunehmend zu riskanteren, individuelleren Entscheidungen, weg von festen Idealen. Weltoffenheit, Toleranz, Internationalität und Mobilität seien kennzeichnend. Auch sei der Egoismus ausgeprägt, der im starken Kontrast zum Altruismus stehe – es scheine nicht mehr beliebt zu sein, Führung zu übernehmen oder Verantwortung zu tragen. Die Generation Y sei technikorientiert und in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter zu Hause.
Die Werte dieser Generation werden sich in der nächsten Generation Z weiterentwickeln. Anstelle von risikoaversem, rücke emotionales Handeln in den Vordergrund. So werden beispielsweise Demonstrationen in Zukunft nicht mehr von Überzeugung geleitet, sondern aus der Freude am „Happening“, am Event selbst. Liebt es die Generation Y, individuelle Entscheidungen zu treffen, so stehe die Generation Z ganz im Zeichen der Gruppenorientierung. Diese finde sowohl im Privatleben, als auch im Berufsleben statt. Individuelle Intelligenz werde abgelöst durch die Verfügbarkeit unerschöpflicher Informationsquellen, der sogenannten „Schwarmintelligenz“. Im Berufsleben bedeute dies die zunehmende Verflachung von Hierarchien, bei denen es keine „Leader“, sondern autonome Gruppen gebe, die effizient und effektiv arbeiten. Die Folgen dieser Informationsüberhäufung? Zum einen werden Informationen nur noch selektiv wahrgenommen, was leicht verführbar mache. Zum anderen findet eine Rückkehr zu Traditionen statt, jedoch nicht im Sinne von Religion o.ä.; vielmehr nehmen gewisse Riten, Farben oder Symbole wie beispielsweise das Talartragen am Abschlusstag bei allen Hochschulen an Bedeutung zu.
Schnecks Charakterisierung der Generationen mochte auf den ersten Blick zwar etwas überspitzt erscheinen, doch mussten einige Studenten im Publikum in der Tat ertappt schmunzeln und die anwesenden Eltern dieser Generationen bestätigend lachen.
Doch welchen Herausforderungen müssen sich Schulen, Hochschulen und Unternehmen angesichts dieser Entwicklungen nun stellen?
Der Dekan forderte Schulen dazu auf, die Ausbildung der Lehrer in den neuen Medien zu fördern. Hochschulen, auch die ESB Business School, sollten Pflichtveranstaltungen zum Thema Ethik und Verantwortung verstärken und diese Werte fächerübergreifend vermitteln. Um aktives Lernen zu unterstützen, sollte studentisches Engagement aktiver gefördert werden, sowohl durch Teilnahme und Leiten von Kultur und Charity-Projekten, aber auch durch die zunehmende Integration der Studenten in die Hochschulgremien.
Die Herausforderung an Unternehmen liege darin die „Work-Life-Balance“ auszubauen und flexiblere Arbeitszeiten und –orte anzubieten. Schneck prophezeite, dass es wohl künftig keine Vorstände mehr gebe, sondern die „Schwarmintelligenz“ zunehmend genutzt würde. Dies sehe man bereits heute an den Anforderungen von Unternehmen an Neueinsteiger, die verstärkt auf Problemlösungskompetenz und Teamfähigkeit achten.
Sind die Generationen Y und Z wirklich eine „Zumutung für Schule, Hochschule und Arbeitgeber“, wie Prof. Dr. Schneck seinen quergedachten Vortrag eröffnete? „Natürlich nicht“, schloss er, jede Generation habe ihre eigenen Werte, die von anderen Generationen respektiert werden müssen.
Über diesen Satz würde sich sicherlich auch John Wayne freuen.



