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22.06.11 13:12 Alter: 3 Jahr(e)
Kategorie: Allgemein, Pressemitteilungen, Research
Autor: esb/pr-sg, StS

Workshop Wirtschafts- und Finanzkrise an der Hochschule


Staatsverschuldung und Euro-Krise sind zwei der wichtigsten Themen, die aktuell die wirtschaftspoltische Debatte beherrschen. Seit im Sommer 2007 die ersten Anzeichen einer Finanzkrise erkennbar wurden und diese spätestens im Jahr 2008 mit dem Zusammenbruch der Investment-Bank Lehman Brothers auch von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wurde, haben sich gravierende Entwicklungen in der Weltwirtschaft ergeben. Vielfach wurde Ökonomen vorgeworfen, sie hätten die Krise nicht kommen sehen. Tatsächlich aber ist die Analyse von konjunkturellen Krisen eines der ureigensten Gebiete der Wirtschaftswissenschaften.

Haben die Hochschulen junge Wirtschaftswissenschaftler so ausgebildet, dass sie mit Krisensituationen umgehen können? Welche Schlüsse für die zukünftige Gestaltung von Forschung und Lehre lassen sich aus der Krise ziehen? Um diese Fragen beantworten zu können, tragen sich 2010 auf Initiative des Leiters der Koordinierungsstelle Forschung an den Hochschulen des Landes Baden-Württemberg, Dr. Rolf Thum, eine Gruppe von Wirtschaftsprofessoren an der Hochschule Heilbronn zu einem Gedankenaustausch. Hierbei wurde die Idee, Workshops zum Thema Wirtschafts- und Finanzkrise durchzuführen, geboren. Der erste Workshop fand am 21.6.2011 an der Hochschule Reutlingen statt. Organisiert wurde die Veranstaltung von Dr. Rolf Thum und Prof. Dr. Stephan Seiter, Studiendekan der ESB Business School und einer der Leiter des Reutlingen Research Institutes. An der vom Förderverein der ESB Business School, VIMA e.V., geförderten Veranstaltung nahmen 90 Professoren und Studierende von zahlreichen Hochschulen des Landes sowie Vertreter der IHK Reutlingen teil.

Nachdem die Gäste vom Vizepräsident für Forschung, Prof. Dr. Gerhard Gruhler, begrüßt wurden, führte Prof. Dr. Seiter in die Thematik ein. Sein Referat zeigte auf, welche Fragen aufgrund der Krisenerscheinungen aktuell die Forschung, aber auch die öffentliche Meinung beschäftigen. Hat die Krise wirklich niemand kommen sehen? Haben die Finanzmarktinstitutionen versagt? Wie stark muss bzw. darf der Staat in die Märkte eingreifen? Welche Lehren können aus der Krise gezogen werden? Wie verschieben sich die Gewichte in der Weltwirtschaft? Welche Entwicklung nimmt der Euro bzw. die Weltwährungsordnung? Gleichzeitig verwies er auf die vier langfristigen Faktoren der wirtschaftlichen Entwicklung: Globalisierung, technologischer Fortschritt, demographische Entwicklung und Umwelt.

Prof. Dr. Christian Kreiß von der Hochschule Aalen widmete sich in seinem Vortrag mit dem Titel „Nachhaltigkeit und Wirtschaftswachstum: Zu den Hintergründen den Finanzkrise - Wie geht es mit dem Euro weiter?“ einer kritischen Auseinandersetzung mit den Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise. Hierbei standen insbesondere die Rolle der zunehmenden Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen und die Anlage der damit verbundenen Sparvermögen in risikoreiche, aber mit überdurchschnittlicher Rendite versehene Wertpapiere im Mittelpunkt des Interesses. Zusammen mit günstigen Krediten durch die Federal Reserve und die Banken konnte dadurch die Krise entstehen, so Kreiß. Wenn dem so sei, müssten zur Vermeidung zukünftiger Krisen neue Wege der Besteuerung und der Gelpolitik gegangen werden.

Die Staatsverschuldung hat in vielen Ländern ein Niveau erreicht, das Zweifel an der Kreditwürdigkeit dieser Volkswirtschaften weckt. Länder wie Griechenland oder Portugal sind hier nur Beispiele. Vielfach wird die Finanz- und Wirtschaftskrise als treibende Ursache für diese Entwicklung genannt. Prof. Dr. Tobias Popovic von der Hochschule für Technik in Stuttgart zeigte in seinem Vortrag „Staatsverschuldung im Spannungsfeld von Finanzkrise und demografischen Wandel“ auf, welche Konsequenzen sich aus dem steigenden Anteil von Rentenempfängern an der Bevölkerung für die Staatsfinanzen ergeben. Da sich das Verhältnis zwischen Beitragszahlern und Rentenempfängern verschiebt, muss ein immer größer werdender Teil der Staatsaufgaben für die Finanzierung des Rentensystems verwendet werden, so dass dies bei einem nicht stark wachsenden Steueraufkommen nur durch Schuldenaufnahme geleistet werden kann.

War die Immobilienkrise in den USA Auslöser, gibt es heute Warnungen, dass sich in China ebenfalls eine Immobilienblase bilden kann. Mathias Böhm, B.A., Absolvent der Hochschule für Technik in Stuttgart, stellte unter dem Titel „Implikationen einer potenziellen Immobilienblase in China für die finanzielle Stabilität chinesischer Banken“ Ergebnisse seiner Bachelorarbeit vor. Die Entwicklung der Immobilienpreise und die Inflationsrate in China weisen auf eine Immobilienblase hin, deren Platzen auch für die Großbanken in China Folgen haben könnte.

Den letzten Vortrag des Tages präsentierte Dr. Michael Kalff von der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung Konstanz, unter dem Titel „Systemcrash und das Leben danach. Im Rahmen einer kritischen Analyse der aktuellen langfristigen Trends sieht Kalff die Gefahr einer mangelnden Nachhaltigkeit von Strukturen in verschiedenen Bereichen des ökonomischen und gesellschaftlichen Lebens. Erst wenn es zu großen Crashs käme, würde sich das Verhalten der Menschen ändern, um die Folgen der Zusammenbrüche zu beheben. Kalff plädierte für eine rechtzeitige Hinwendung zu nachhaltigen Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen. Hierfür sei aber ein Umdenken erforderlich.

Die vorgetragenen Themen wurden intensiv und kontrovers mit dem Publikum diskutiert, was das große Interesse der Teilnehmer(innen) zeigte. Die verschiedenen Sichtweisen und Analysemethoden wurden deutlich, ebenso wie die große Komplexität des Phänomens Finanz- und Wirtschaftskrise. In seinem zusammenfassenden Schlusswort verwies Prof. Dr. Stephan Seiter deswegen auch auf weitere, hoffentlich ebenso erfolgreiche Veranstaltungen zu diesem Thema in naher Zukunft.