04.09.2018 | Exkursionen

Mehr Bewusstsein für den Klimawandel

Neue Studie belegt Erfolg des Rollenspiels World Climate

v.l.n.r.: Prof. Dr. John Sterman (MIT Sloan School), Co-Autor. Prof. Dr. Frank Wijen (Erasmus University Rotterdam, Gastgeber der 9. ARCS-Konferenz). Prof. Dr. Florian Kapmeier, ESB Business School der Hochschule Reutlingen, Co-Autor.

Von: Florian Kapmeier

81 Prozent. So hoch ist der Anteil der Teilnehmer an der World Climate Simulation, bei dem nach Durchlaufen des Rollenspiels zum Thema Klimawandel die Motivation zur Bekämpfung der globalen Erwärmung steigt. Dieses und weitere Ergebnisse erbrachte eine in der Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlichte Studie unter Co-Autorenschaft von Florian Kapmeier, Professor für Strategie und Internationales Projektmanagement an der ESB Business School der Hochschule Reutlingen. Zuvor war die Forschungsarbeit bereits mit dem „People’s Choice Award“ bei der 9. Jährlichen ARCS-Konferenz der Alliance for Research on Corporate Sustainability in Rotterdam ausgezeichnet worden.

Ziel der Studie war es herauszufinden, inwiefern eine Teilnahme an der World Climate-Simulation die Überzeugungen, emotionalen Reaktionen und Handlungsabsichten der Teilnehmer beeinflusst. Das Autorenteam unter Leitung von Professor Dr. Juliette Rooney-Varga von der Climate Change Initiative der University of Massachusetts Lowell in den USA untersuchte, wie sich die Teilnahme an dem Rollenspiel auf mehr als 2.000 Menschen aus acht Ländern und vier Kontinenten, von Mittelstufenschülern bis hin zu Geschäftsführern, auswirkte. Dafür nahmen sie vor- und nachher an Befragungen teil, die anschließend ausgewertet wurden.

Unabhängig von politischer Gesinnung, kultureller Identität, Alter oder Geschlecht geht die Teilnahme an World Climate mit einem besseren Verständnis des Klimawandels und der Dringlichkeit des Themas sowie einer erhöhten Motivation mehr über den Klimawandel zu lernen und dagegen anzugehen einher. World Climate erreicht dabei nicht nur Klimaaktivisten, sondern auch Befürworter freier Märkte und Menschen, die vor der Teilnahme wenig über den Klimawandel wussten und wenig daran interessiert waren – dies ist insbesondere in den USA ein Indikator für Klimaskeptiker. Bei vielen Initiativen zur Bekämpfung des Klimawandels wird in der Praxis dagegen häufig versäumt das gesamte politische Spektrum anzusprechen und auch Menschen zu erreichen, die das Thema noch nicht auf ihrer Agenda haben.

In diesem Zusammenhang betont Co-Autor Professor Dr. John Sterman von der renommierten MIT Sloan School of Management in den USA, dass es nachweislich „nicht funktioniert, Menschen schlicht Forschungsergebnisse zu zeigen. World Climate funktioniert hingegen, weil es den Menschen ermöglicht ihre eigenen Ansichten zu äußern, ihre eigenen Vorschläge zu ergründen und so für sich selbst zu lernen."

Das World Climate-Rollenspiel ist „eine einnehmende, soziale Erfahrung, die auf den besten verfügbaren Erkenntnissen der Klimawissenschaft basiert", kommentiert Rooney-Varga. Die Teilnehmer übernehmen die Rolle der nationalen Delegierten bei den UN-Klimaverhandlungen und haben den Auftrag, ein globales Abkommen zu schaffen, das den Klimawandel erfolgreich eindämmt. Wie bei den realen Verhandlungen bietet jede Delegation Vorschläge zur Verringerung ihrer Treibhausgasemissionen an. Diese fließen in das computergestützte Klimasimulationsmodell C-ROADS ein, das auch zur Unterstützung der realen Klimaverhandlungen der UN genutzt wird und den Teilnehmern eine unmittelbare Rückmeldung über die zu erwartenden Klimaauswirkungen ihrer Entscheidungen gibt. Die Ergebnisse der ersten Spielrunde reichen in der Regel nicht aus, um das Ziel zu erreichen und verdeutlichen den Teilnehmern den wahrscheinlichen Schaden für Wohlstand, Gesundheit und Wohlergehen. Die Teilnehmer verhandeln dann erneut und nutzen C-ROADS, um die Folgen ambitionierterer Emissionssenkungen zu untersuchen.

Bis Juli 2018 nahmen mehr als 43.000 Menschen in 78 Ländern weltweit an dem Simulationsspiel teil. Prof. Dr. Florian Kapmeier präsentierte es bei zahlreichen Einsätzen in Europa. Unter anderem arbeitet er mit dem Kultusministerium Baden-Württemberg zusammen, das World Climate seit Kurzem als offizielle Ressource für Gymnasien anbietet. Wie Kapmeier erklärt, „hat das Kultusministerium erkannt, dass Bildung ein Schlüsselelement ist um den Klimaschutz voranzutreiben. Die Schülerinnen und Schüler lernen für sich selbst, um in der Zukunft fundierte Entscheidungen zu treffen. Das Ministerium und die Lehrer sind besonders davon beeindruckt, dass das in World Climate genutzte C-ROADS-Klimasimulationsmodell auch tatsächlich von politischen Entscheidungsträgern genutzt wird."

Professor Dr. Rooney-Varga von der University of Massachusetts Lowell fügt dem hinzu: „Über einen langen Zeitraum der Menschheitsgeschichte hinweg war das Sammeln von Erfahrungen unser bester Lehrer. Die große Frage für die Kommunikation des Klimawandels lautet: Wie können wir das Wissen und die Emotionen aufbauen, die das informierte Handeln ohne reale Erfahrung fördern? Die Antwort scheint simulierte Erfahrung zu sein."

Co-Autor Eduardo Fracassi spielt World Climate ausgiebig in Südamerika. Seine Teilnehmer hat die Simulation zu „lebensverändernden Einsichten" inspirieren können, einige hätten auch „Projekte zur Reduktion der Treibhausgasemissionen in der realen Welt und Maßnahmen zum Schutz der Menschen vor zukünftigen Klimarisiken" ergriffen.

Co-Autor Andrew Jones von Climate Interactive sieht die Relevanz der Studienergebnisse für die allgemeine Klimakommunikation ausschlaggebend: „Unsere Ergebnisse können für jeden nützlich sein, der andere für Klimaschutz motivieren möchte. Dafür braucht man drei Elemente: Informationen, die auf soliden wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen, eine fühlbare Erfahrung zu eigenen Bedingungen, und soziale Interaktion, die sich aus Gesprächen mit Gleichgestellten ergibt."

Die Pressemitteilung der Hochschule Reutlingen zur Studie finden Sie hier. 

Um ein Interview mit einem der Autoren zu vereinbaren, kontaktieren Sie bitte:

Auf Deutsch:
Prof. Dr. Florian Kapmeier, Reutlingen University, ESB Business School

Auf English:
Juliette Rooney-Varga, UMass Lowell Climate Change Initiative and Department of Environmental, Earth and Atmospheric Sciences
John Sterman, MIT Sloan School of Management
Andrew Jones, Climate Interactive

Auf Spanisch:
Eduardo Fracassi, Instituto Tecnológico de Buenos Aires

World Climate ist fest in die Curricula der Studiengänge BSc International Business, MSc International Accounting, Controlling and Taxation und MSc International Business Development aufgenommen und wird dort jedes Semester mit Studierenden gespielt. Einige Eindrücke erhalten Sie durch das folgende Video: