18.03.2016

The next big thing?

Afrika als Chancenkontinent - 20. Wirtschaftsforum der ESB Business School

Jana Reismann

„Sprichst du eigentlich Afrikanisch?“ – das werden zwei ESB-Studierende, die ihre Wurzeln in Afrika haben, oft gefragt. Die Frage zeigt, wie wenig viele Europäer über Afrika wissen. So wenig, dass es für viele gar kein Kontinent, sondern ganz einfach ein großes Land ist. Das Wirtschaftsforum der ESB Business School beschäftigte sich dieses Jahr mit dem Potential Afrikas im globalen Wirtschaftsgefüge.

Was sind die Auswirkungen der Globalisierung und des liberalisierten Welthandels auf den afrikanischen Kontinent? Welche Investitionsmöglichkeiten bieten sich dort? Wie können Afrikaner und Europäer von mehr Handel profitieren? Das 20. Wirtschaftsforum der ESB Business School versuchte, Antworten auf diese Fragen zu finden.

Um die Podiumsdiskussion auf die Beine zu stellen, arbeiteten vier Studierende – Tobias Lipsky, Florian Mandel, Patrick Schilling und Sabrina Steeb – über acht Monate engagiert zusammen. Ein Aufwand, der sich gelohnt hat: Nicht nur war die Aula der Hochschule Reutlingen komplett gefüllt mit interessierten Zuhörern, auch die Podiumsgäste waren hochkarätig: Mit Judith Helfmann Hundack, Leiterin des Bereichs Außenwirtschaft und Entwicklungspolitik des Afrika Verein der Deutschen Wirtschaft, Hanna Rammig, Scenario Managerin der Scenario Management International AG, Dr. Julia Leininger, Leiterin der Abteilung „Governance, Staatlichkeit und Sicherheit“ am Deutschen Institut für Entwicklungshilfe sowie Fritz Grobien, ESB Alumnus und Immediate Past President der Bremer Baumwollbörse, waren vier Afrika-Experten vor Ort, die spannende Einblicke geben konnten. Moderiert wurde die Diskussion auch dieses Jahr von Dr. Andrea Despot.

Mit traditionell afrikanischer Live- Musik und einem kleinen Buffet mit afrikanischen Kostproben wurde das Wirtschaftsforum stimmungsvoll eingeleitet. Nach der Begrüßung durch Dekan Dr. Ottmar Schneck und Patrick Schilling leiteten zwei ESB-Studierende mit afrikanischen Wurzeln durch ihren Blick auf das europäische Afrikabild zur eigentlichen Diskussion über.

Vor diesem Hintergrund startete das Gespräch mit einer Bestandsaufnahme der aktuellen Situation in Afrika. Auf die Frage, ob der Kontinent denn wirklich in Vergessenheit geraten sein, konnte Fritz Grobien ganz entschieden mit einem Nein antworten, doch fügte er hinzu: „Afrika wird ganz einfach mit viel Skepsis betrachtet“, gerade aufgrund der ungenügenden Information in den Medien, die zu einer Verzerrung des Bildes von Afrika führen. Auch Judith Helfmann Hundack ist sich sicher: „Afrika ist ein Chancenkontinent“. Nicht nur die zahlreichen Rohstoffe bieten großes Potential. „Die Chance liegt in der Zusammenarbeit mit den Menschen“- und von denen gibt es genug. Afrika ist derzeit der wachstumsstärkste Kontinent. Und hat die Entwicklungshilfe eigentlich etwas gebracht? Julia Leininger beantwortet dies mit einer klugen Gegenfrage: Was wäre denn ohne sie gewesen?

Das Publikum hörte gefesselt zu; eine Stimmung, die während der gesamten Diskussion anhielt.  Nach der Bestandsaufnahme kamen politische Aspekte zur Sprache. Hier waren sich die Podiumsgäste weitgehend einig: „Wir müssen die deutsche Lehrerbrille absetzen, Afrika muss sich nicht so entwickeln, wie Deutschland das will“, so Fritz Grobien. Doch das rief neue Fragen auf: Muss die Sicherheitspolitik über ein demokratisches politisches System gestellt werden? Natürlich nicht, und Julia Leininger gab zu bedenken: „Wir können unser Demokratiemodell nicht einfach exportieren.“  Gerade der von Fritz Grobien erwähnte Respekt spiele hier eine Schlüsselrolle. Auch waren sich alle Teilnehmer sicher: Afrika braucht Investitionen, und zwar nicht nur monetärer Art, auch Know-How und Technologien sind gefragt.
Die Diskussion endete mit einem Blick in die Zukunft, und Julia Leininger präsentierte sieben

Szenarien, die möglicherweise eintreten könnten. Auch unterstrich sie, dass Afrika stark in der deutschen Politik inkludiert ist, diese sich jedoch auf drei Aspekte fokussieren sollte: „Sicherheit und Governance Strukturen, wirtschaftliche Entwicklung, demokratischer Faktor“. Fazit der Diskussion: „Deutschland ist nur ein kleines Teilchen von dem ganzen Spiel.“

Dann begann eine offene Fragerunde, bei dem auch viele Zuhörer mit ganz persönlichem Afrika-Hintergrund zu Wort kamen. So wollte beispielsweise ein junger afrikanischer Wirtschaftsingenieur wissen: Ist es zu spät für die 16-30 Jährigen?  Auch ein Mitglied des lokalen Afrikavereins meldete sich. Auf die Kritik, die Diskussion sei sehr optimistisch verlaufen, wusste Fritz Grobien einen Konter: „Es geht um das, was wir tun können. Da bin ich gerne Optimist“
Mit diesem Ansatz im Hintergrund riefen die ESB Organisatoren abschließend dazu auf, an das Projekt „Lehrer für Madagaskar“ zu spenden, ein von ehemaligen ESB-Studierenden gegründetes Bildungsaustauschprogramm.