15.03.2016

Truly international

Der ehemalige IMX-Student Christoph Schell sitzt heute in der Konzernspitze von hp Inc.

Nina Marleen Osterod

9350 Kilometer gereist, 36 Stunden ohne Schlaf, ein breites Lächeln. Christoph Schell betritt den Hörsaal und schaut sich verblüfft um: „Sieht immer noch aus wie damals“. Sympathisch steht er vor uns, einst ESB Student und heute in der Geschäftsführung von HP in Amerika. Da fragt man sich zu Recht: Wie hat er das geschafft, von Kirchheim unter Teck nach Palo Alto in die Geschäftsführung des Weltmarktführers im Print-Geschäft?

Schell erzählt von seinem beeindruckend internationalen Werdegang. Wie er nach seinem Doppel-Abschluss (IMX deutsch-französisch) und Brand Management bei Procter & Gamble als einer von vier Mitarbeitern bei HP in Dubai anfing und verantwortlich für 13 Länder war. Von der gigantischen Entwicklung, als sich der Umsatz nach acht Jahren von 80 Millionen zu mehr als 1,6 Milliarden US-Dollar wandelte. Weiter ging es mit Stellen in Genf, Sydney, Singapur und San Diego. Momentan wohnt der HP-Vorsitzende für Amerika mit seiner Familie in Palo Alto, Kalifornien. Die Städte, in denen man unbedingt gelebt haben muss, gibt er uns augenzwinkernd mit auf den Weg, sind: Paris, Sydney, Auckland (trotz vieler Schafe!) und San Diego.

„Truly international“ diese Karriere. Was das mit der ESB Business School zu tun hat? Schell erzählt, dass er als Student unterschätzt hat, was er alles an der ESB mitgenommen hat. Die Gabe, irgendwo auf der Welt ein Zelt aufzuschlagen und es hinzubekommen, dort zu arbeiten, auf andere Kulturen einzugehen. Jedes neue Land habe ihn verändert. Insbesondere im Vertrieb habe er im Kundenkontakt gelernt, sich seinen Kunden anzupassen. Er ist absolut überzeugt davon, dass er ohne diese Voraussetzungen diese Karriere nicht geschafft hätte. Der Mann, der heute sämtliche Märkte der Welt verstehen kann.

HP Inc. ist momentan die Nummer eins weltweit in Sachen Print, die Nummer zwei bei Computern. Schell ist überzeugt, sie könnten auch hier die Nummer eins werden, aber sagt: „Es ist nur eine Frage, wieviel Geld man verdienen will“. Die Zukunft sieht Schell im 3D-Drucken und erzählt uns von unfassbaren Zukunftsszenarien. Das Spannende daran: jedes Objekt was man gerade braucht, wo und wann immer man möchte. Das Potenzial sei unvorhersehbar, er ist sich aber sicher, dass 3D-Drucken Potenzial für eine industrielle Revolution hat. „I’m in sales. What is the answer? Yes!”, lächelt er und versucht, unsere Fantasie anzukurbeln. Wenn man Dinge plötzlich selber drucken kann, gäbe es bald

weniger Produktionshallen mehr, die Logistikbranche im Bereich Seefracht würde unfassbar kleiner, Produkte würden dort hergestellt, wo man sie konsumiert oder vielleicht durch Drohnen transportiert.

Die Herausforderungen dabei: die notwendige Software, die Technik, die Chemie. Programme, von denen wir uns heute noch gar nicht vorstellen können, dass es sie mal geben wird. Spannend werden auch die Gegenstände sein, die wir drucken können. Die optimierten, innovativen Designs, wenn es immer weniger Beschränkungen geben wird. Christoph Schell erzählt von nahezu perfekt berechneten Lautsprechern und Wärmetauschern, die aussehen wie Äste eines Baumes. Produkte, die aussehen, als wären sie von der Natur designed. Effiziente, energiesparende und hochwertige Produkte.

Momentan versuche die Forschung, Plastik mit verschiedenen Farben zu drucken. Doch das sei nur der erste Schritt. Wenn es möglich ist, jeden Voxel (das 3D-Äquivalent zu einem Pixel) zu bestimmen, wird man so genau drucken können, dass Gegenstände wie z.B. eine Schere, nicht mehr aus verschiedenen Bestandteilen hergestellt werden müssten, sondern an einem Stück gedruckt werden. Und dann wird es weitergehen mit anderen Materialien. Irgendwann mit Zucker. „Think about printing food, maybe Schnitzel. It will absolutely happen.”, sagt der Visionär mit einem Augenzwinkern und verspricht eine aufregende Zukunft. Menschen möchten individuelle Produkte, auf sie zugeschnitten. Das sei momentan der Trend, man denke an die Cola-Flaschen mit Namen. Diese Labels werden uebrigens auch auf HP Technologie gedruckt.

Seine Botschaft an uns: zu merken, wie Technologie unser Leben verändern kann und wird.

Christoph Schell lebt seinen Beruf. Es ist ehrlich, was er da so enthusiastisch und spannend erzählt. Auf die Frage aus dem Publikum, was man an der oberen Konzernspitze noch für Ziele haben kann, kommt eine überraschende Antwort: „Ich würde gerne irgendwann wieder Schlagzeug spielen.“

 

 

Vor seiner Gastvorlesung hatten wir noch Gelegenheit, Christoph Schell einige persönliche Fragen zu stellen:

Sie haben den deutsch-französischen Studiengang BSc International Management (IMX) absolviert, aber nie in Frankreich gearbeitet. Konnten Sie trotzdem von Ihren Studienerfahrungen in Frankreich profitieren?

Zu Anfang bei HP hatte ich viel mit dem Druckerbereich in Böblingen zu tun, da war es hilfreich, wenn man Deutsch sprach. Aber 2002 kaufte HP Compaq und deren Marketingleitung für PCs befand sich in Grenoble. Alle meine Chefs waren Franzosen und als sie erfuhren, dass ich Französisch spreche, waren sie begeistert und da war es mit dem Englischen als Sprache bei Meetings natürlich vorbei. Ich denke, hier hat das Studium in Frankreich meiner Karriere sehr geholfen. Es hat aber auch über die Sprachkenntnisse hinaus sehr geholfen, denn ich habe gelernt, wie man häufig umzieht und wie man sich in einem fremden Land einlebt.

Warum haben Sie nie in Frankreich gearbeitet?

Ich habe hauptsächlich für amerikanische Firmen gearbeitet (Procter & Gamble und HP), die zwar in Frankreich einen Markt, aber z.B. keine Entwicklungsabteilung oder andere Abteilungen dort haben. Aus privaten Gründen bedauere ich das und kann mir vorstellen, in der Zukunft auch irgendwann einmal in Frankreich zu leben.

Warum haben Sie sich auf den IT-Bereich spezialisiert?

Ich würde sagen, das ist eine persönliche Affinität, durch die Familie. Mein Vater war Selbständiger im Bereich Consumer Electronics und ich arbeitete seit meiner Jugend in unserem Familienbetrieb. Während meiner Studienzeit baute HP gerade den Bereich Drucker auf und ich fand das Tintenstrahldruckersortiment toll. Ich habe dann auch ein Praktikum bei HP gemacht, im europäischen Marketingcenter in Böblingen und auch die Diplomarbeit bei HP geschrieben. Ich wäre nach dem Studium gerne direkt bei HP eingestiegen, aber es gab dort gerade einen Einstellstopp, daher bin ich erst zu Procter & Gamble gegangen.  Ich fand P&G als Firma toll; aber dort war ich im Skincare -Bereich und mir fehlte die Affinität. Später war ich eine Zeitlang bei Philips – im Bereich Licht – und wie bei HP war auch das ein Produkt, zu dem ich eine Affinität hatte, das ist wichtig.

Sie waren in vielen unterschiedlichen Regionen tätig – gibt es in der Arbeitsweise oder Geschäftsleben je nach Region starke oder ist das bei großen globalen Firmen mittlerweile fast egal, ob man z.B. in Deutschland arbeitet oder in Südostasien?

Nein, das ist nicht egal, in jedem Land, sogar in jeder Stadt gibt es eine eigene Unternehmenskultur. Ein gutes Beispiel ist Dubai. Als ich 1998 dorthin kam, war ich der vierte Angestellte in der Niederlassung dort und der Einzige, der überhaupt eine Ahnung von der HP Firmenkultur hatte – die anderen kannten die Firmenkultur gar nicht, weil sie nur regional gearbeitet hatten.

Vor allem in vertriebslastigen Unternehmen beeinflussen die regionalen Kunden die Firmenkultur stark und das ist auch gut so. Aus eigener Beobachtung kann ich sagen: ich bin ein anderer Manager, je nachdem wo ich bin. In den USA anders als in Brasilien, und wieder anders in Asien – in Asien z.B. muss man leiser auftreten und stärker zuhören können. Ich frage mich, wie es wohl wäre, wenn ich in Deutschland arbeiten würde, ich glaube, das würde mir nach mehr als 18 Jahren ausserhalb von Deutschland gar nicht so leichtfallen.

Insgesamt kann man sagen, große Firmen haben zwar eine globale Unternehmenskultur, aber es gibt Nuancen und Manager müssen ein Bewusstsein dafür haben, um erfolgreich zu sein. Zum Beispiel im Mittleren Osten beeinflusst die Religion stark das Geschäftsleben. Während des Ramadan beispielsweise hält man Meetings nachts und macht den Geschäftsabschluss dann um 5 Uhr morgens. Ein Bewusstsein für kulturelle Unterschiede ist also sehr wichtig.

Was war das Wichtigste, das Sie aus dem ESB-Studium mitgenommen haben?

Das Wichtigste, was man an der ESB lernen kann ist die Flexibilität.  Einmal im akademischen Bereich und dann schult natürlich das Wechseln der Standorte die Flexibilität sehr stark. Als Studierender kann man das vielleicht noch nicht so würdigen, aber man weiß es später im Geschäftsleben umso mehr zu schätzen, vor allem, wenn man sieht, dass sich andere damit schwerer tun.  Zweitens sind natürlich die vier Jahre Studium mit je zwei Jahren im Ausland und in Deutschland toll, es ist einfach eine schöne Zeit. Drittens hat man eine sehr emotionale Verbindung zum Studium – ich habe zum Beispiel meine Frau dort kennengelernt, die auch den deutsch-französischen Studiengang absolviert hat. So ist also aus dem Studium auch eine Familie entstanden. Ein gutes Beispiel ist auch unsere Zeit in Singapur: als wir dort waren, waren noch ungefähr zehn andere ESBler dort. Es ist schon toll, wenn man in eine neue Stadt kommt und sofort Freunde dort hat, es hilft sehr für das Privatleben.

Auch 20 Jahre nach Abschluss des Studiums habe ich engen Kontakt zu meinen Studienfreunden. Man besucht sich, auch wenn man in der ganzen Welt verteilt ist, z.B., wenn einer von ihnen gerade im Silicon Valley ist, übernachtet er bei mir. Man hilft sich einfach sehr viel in den vier Jahren des Studiums, das schweißt zusammen. Zum Beispiel als ich am Anfang des Studiums nach Frankreich kam, waren meine Sprachkenntnisse noch nicht so gut und die französischen Kommilitonen haben mir sehr dabei geholfen, die Sprache zu lernen. Als ich dann nach Reutlingen kam, wollte ich etwas davon zurückgeben und so habe ich dann hier französischen und spanischen Kommilitonen geholfen, das Studium zu schaffen. So entstehen Freundschaften für’s Leben.