28.03.2019

Leben in der Filterblase

Beim 23. Wirtschaftsforum drehte sich alles um personalisierte Inhalte im Internet.

Hochkarätiges Podium beim 23. Wirtschaftsforum (von links nach rechts): Gerhard Märtterer, Holger Geißler, Dr. Andrea Despot, Marc Biadacz, Ann Cathrin Riedel, Prof. Dr. Wolfgang Schweiger
Hochkarätiges Podium beim 23. Wirtschaftsforum (von links nach rechts) / Top-class panel at the 23rd Wirtschaftsforum (from left to right): Gerhard Märtterer, Holger Geißler, Dr. Andrea Despot, Marc Biadacz, Ann Cathrin Riedel, Prof. Dr. Wolfgang Schweiger

Von: Lena Jauernig

Beim 23. Wirtschaftsforum diskutierten gestern fünf hochkarätige Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik darüber, wie sich personalisierte Inhalte im Internet auf die Gesellschaft auswirken. Die öffentliche Podiumsdiskussion wurde von Studierenden der Fakultät ESB Business School der Hochschule Reutlingen organisiert.

Wir leben zwar im Zeitalter der digitalen Informationsflut, doch wir haben nicht alle die gleichen Informationen. Welche Inhalte jeder Einzelne im Netz zu sehen bekommt, darüber entscheiden nicht wir allein, sondern auch die Algorithmen von Google, Facebook und Co. Wie wirken sich personalisierte Inhalte im Netz aus? Darüber diskutierten gestern Abend in der Aula der Hochschule Reutlingen fünf hochkarätige Experten. 

„Filter Bubble – ich bau dir die Welt, wie sie dir gefällt“ lautete das Motto des 23. Wirtschaftsforums. Das studentische Organisationsteam der öffentlichen Podiumsdiskussion traf mit dem selbstgewählten Thema einen Nerv der Zeit. Die Aula war gut gefüllt und Moderatorin Dr. Andrea Despot, Direktorin der Europäischen Akademie Berlin, bezog das Publikum gleich zu Beginn per Online-Abstimmung mit ein: Auf die Frage „Haben Sie das Gefühl, in einer Filterblase zu stecken?“ antworteten 48 Prozent der Zuschauer mit „Ja“. 

Menschen neigen dazu, Medieninhalte zu nutzen, die der eigenen Überzeugung entsprechen. „Das war schon vor Entstehung des Internets so“, gab Prof. Dr. Wolfgang Schweiger, Universität Hohenheim, zu bedenken: Der eine las die FAZ, der andere die Süddeutsche Zeitung. Doch der Kommunikationswissenschaftler warnte: „Die Personalisierung der Inhalte war lange nicht so stark. Die Filterblase im Internet verstärkt extreme Meinungen.“ 

„Filter können auch hilfreich sein“, warf Holger Geißler, ehemaliger Vorstand von YouGov Deutschland, ein. Die Menge an Informationen im Netz sei so groß, dass wir auf Orientierungshilfen angewiesen seien. Die für Geißler entscheidende Frage: „Bin ich mir bewusst, dass ich mich in einer Filter Bubble befinde und weiß ich, wie ich aus der Blase wieder herauskomme?“

Brauchen wir also einfach nur mehr Medienkompetenz? Medienbildung sei wichtig, sagte Ann Cathrin Riedel, Vorsitzende des LOAD e.V., des Vereins für liberale Netzpolitik. Das digitale Zeitalter böte aber auch Chancen, strich sie heraus: „Das Internet führt uns in eine Filterblase, es bietet aber auch die Möglichkeit, aus der Filterblase des realen Lebens herauszutreten.“ Das Netz ermögliche Zugang zu neuen Themen und nur dank Sozialer Medien, so Riedel, hätten Debatten wie „MeToo“ Eingang in die Gesellschaft gefunden. Sie empfahl Politikern, Soziale Medien aktiv zu nutzen, um Bürger aus erster Hand über schwierige Themen zu informieren. 

Soziale Medien als Sprachrohr für jedermann? Gerhard Märtterer, Gründer von AlphaPicture, sah dies auch kritisch: „Jeder kann heute ohne Filter seine Meinung herausbrüllen und muss seinem Gegenüber dabei nicht mal ins Gesicht schauen. So schaukeln sich Diskussionen hoch.“ 

Von Erfahrungen mit Hasskommentaren berichtete auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Marc Biadacz. Er nutzt die Sozialen Medien trotzdem weiter sehr aktiv und betonte gestern: „Die Digitalisierung gehört fest zu unserem Alltag.“ Manipuliert die Filterblase unsere Meinungsbildung, ist unsere Demokratie in Gefahr? Biadacz appellierte an Facebook und Co., Verantwortung zu übernehmen und sich für die Demokratie einzusetzen. Nach der Rolle der Politik gefragt, antwortete er: „Der Staat darf nicht zensieren. Aber er hat eine Schutzaufgabe, zum Beispiel, wenn es um das Thema Daten geht.“ 

Am Ende des Abends nahmen die Zuhörer viele neue Aspekte mit nach Hause. Die studentischen Macher des Wirtschaftsforums konnten zufrieden mit sich sein: Volles Haus, gute Organisation und eine vielschichtige Debatte.

Über das Wirtschaftsforum: Die öffentliche Podiumsdiskussion zu aktuellen Themen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft wurde im Herbst 1996 von Studierenden der ESB Business School gegründet und findet seitdem einmal jährlich statt. Das Wirtschaftsforum 2019 wurde organsiert von Thimon Bernhardt, Celine Doll, Nadja Hansmann, Anna Herold, Miriam Limbeck und Alexandra Knapheide. Zu Gast waren: Marc Biadacz (CDU-Bundestagsabgeordneter), Holger Geißler (Mitglied der Geschäftsführung DCORE GmbH und CMO von DataLion, vormals Vorstand YouGov Deutschland), Gerhard Märtterer (Gründer von AlphaPicture, einem Cloudservice für E-Marketer und Digitaldrucker), Ann Cathrin Riedel (Gründerin der Agentur UP DIGITAL MEDIA und Vorsitzende bei LOAD e.V. – Verein für liberale Netzpolitik), Prof. Dr. Wolfgang Schweiger (Leiter des Fachgebiets „Kommunikationswissenschaft insb. interaktive Medien- und Onlinekommunikation“, Universität Hohenheim). Die Moderation übernahm Dr. Andrea Despot, Direktorin der Europäischen Akademie Berlin e.V.. Das Wirtschaftsforum fand im Rahmen des Studium Generale der Reutlinger Hochschulen statt.