12.08.2020

Bewältigung des Klimawandels

Studierende durchlaufen Climate Action Simulation im Modul System Dynamics.

Von Martine Blechschmitt (MSc International Business Development) und Schenay Stader (BSc International Business)

„Wirtschaftsspionage!“ Die Delegation „Konventionelle Energie“ betrügt bei den Klimaverhandlungen! Sie versucht, sich einen Vorteil gegenüber anderen Delegationen zu verschaffen, indem sie unbefugt Zugang zum Klima-Energie-Simulationsmodell En-ROADS erlangt bevor die Vereinten Nationen es allen offiziell zur Verfügung stellen! UN-Generalsekretär António Guterres ist empört – und schickt die Delegationen sofort in ihre Breakout-Rooms zurück.

Die Climate Action Simulation

Was für ein Spielstart! Auch in diesem Semester nahmen Studierende des Moduls "System Dynamics" von Prof. Dr. Florian Kapmeier in den Studiengängen BSc International Business und MSc International Business Development an der Climate Action Simulation teil – nicht wie sonst im Seminarraum, sondern virtuell per Zoom-Konferenz. Dabei handelt es sich um ein interaktives, simulationsbasiertes Rollenspiel eines UN-Klimagipfels, das den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aufzeigt, wie der Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft zur Bewältigung des Klimawandels gelingen kann. Sie verhandeln über Strategien und Handlungsoptionen und testen diese mit dem Klima-Energie-Simulationsmodell En-ROADS. Entwickelt vom amerikanischen Think Tank Climate Interactive und der MIT Sloan Sustainability Initiative, ermöglicht das Simulationsmodell den Nutzern, das Klima-Energie-System für sich selbst zu erforschen. An der ESB Business School schlüpft Prof. Dr. Florian Kapmeier, Co-Autor des Spiels und Kooperationspartner von Climate Interactive, in die Rolle des UN-Generalsekretärs António Guterres. Die Studierenden übernehmen die Rollen der globalen Interessensvertreter beim nachgestellten UN-Klimagipfel. Bei der Moderation unterstützt Caroline Reed von Climate Interactive in der Rolle der UNFCCC-Generalsekretärin Patricia Espinosa.

Rollen und Spielablauf

Jede der acht Verhandlungsdelegationen – von Climate Justice Hawks und Clean Tech bis zu Konventionellen Energien und Industrieländern – lernt die eigene Position durch ein kurzes Briefing kennen. Der UN-Generalsekretär und die Moderatorin begrüßen die Delegationen, betonen die Wichtigkeit und Dringlichkeit einer Einigung, wie die globale Erwärmung bis 2100 auf deutlich unter 2 °C begrenzt werden kann, und stellen En-ROADS vor. Anschließend werden die Delegationen in Breakout-Rooms gesendet. Die Studierenden tauchen in ihre jeweiligen Rollen ein, verhandeln über klimapolitische Lösungen und versuchen mögliche Vorschläge der anderen zu antizipieren. Nach jeder Verhandlungsrunde erläutert ein Vertreter in einer kurzen Rede im Plenum die Verhandlungsposition und politische Lösung seiner Delegation. Die Vorschläge werden in En-ROADS eingegeben und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehen sofort die Auswirkungen auf das Klima-Energie-System. Bei vielen Vorschlägen sinkt die Temperatur bis 2100 – aber sehr oft nicht so stark wie erwartet und erhofft.

Verhandlungsrunden

Während der ersten Verhandlungsrunde wird schnell klar, dass die Vorschläge der Delegationen in erster Linie von eigenen Interessen geleitet werden anstelle eines – erforderlichen – kollektiven Ansatzes. Auch Interessenskonflikte treten schnell auf, da es schwierig scheint, das globale Engagement mit den unterschiedlichen nationalen, geopolitischen oder unternehmerischen Haltungen in Einklang zu bringen. Es kommt wiederholt vor, dass eine von einer Delegation vorgeschlagene Lösung später von einer anderen rückgängig gemacht wird, wodurch die zuvor erzielten Klimavorteile zunichte gemacht oder sogar noch verschlechtert werden. Außerdem sind die Studierenden erschrocken von den geringen Auswirkungen vieler Lösungen, da der prognostizierte Temperaturanstieg bis 2100 am Ende der ersten Runde immer noch deutlich über 3 °C liegt.

Vor der zweiten Verhandlungsrunde bringen die Teams offen die Notwendigkeit einer möglichen Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Delegationen zum Ausdruck. In Folge dessen kooperieren zum Beispiel Clean Tech und Industrie & Handel, da sich beide über den Vorteil von Investitionen in erneuerbare Energien einig zu sein scheinen. Trotz aller Bemühungen ist die zweite Runde weniger ehrgeizig als erwartet – für das Jahr 2100 wird immer noch ein Temperaturanstieg von 2,9 °C prognostiziert. Zu diesem Zeitpunkt wird die Notwendigkeit erkannt, die wissenschaftlichen und politischen Faktoren zu überdenken, die davon abhalten, ehrgeizige Ziele zu setzen.

Das Plenum erlebt, wie herausfordernd und komplex die Aushandlung eines ehrgeizigen Klimaabkommens tatsächlich sein kann. So erkennen die Studierenden zum Beispiel, dass eine alleinige Investition in erneuerbare Energien nicht ausreicht, um eine deutliche Senkung der Temperatur zu erreichen. Ein Verzicht auf die Nutzung fossiler Brennstoffe, eine Senkung des Gesamtenergieverbrauchs sowie Maßnahmen gegen Entwaldung und Entstehung von Treibhausgasen sowie weitere Stellhebel sind ebenfalls nötig. So wird endlich das Ziel erreicht und die prognostizierte Temperatur liegt im Jahr 2100 bei 1,9 °C.

Verständnis des Klima-Energie-Systems

Durch die Teilnahme an der Climate Action Simulation lernten die Studierenden auf emotionale Art und Weise etwas über die Ursachen und Folgen des Klimawandels: Wir müssen unser Verhalten sofort ändern, so das einhellige Fazit. Einige von uns waren schlichtweg schockiert und stellten fest: „Ich hätte mir nie vorstellen können, dass es so schwierig sein wird, "lediglich" die Temperatur zu senken.“ Obwohl das Ziel erst in letzter Minute erreicht wurde, überwogen die positiven Eindrücke: Die Bewältigung des Klimawandels ist herausfordernd, aber es besteht Hoffnung auf eine deutliche Temperatursenkung und für die nächste Generation. Die Simulation gab Einblicke in das Thema Klimawandel und die Dringlichkeit sowie den nötigen Umfang der Anstrengungen um den Temperaturanstieg einzudämmen. Anstatt sich von der herausfordernden Erfahrung überwältigt zu fühlen, steigerte die Climate Action Simulation die Motivation der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, etwas über den Klimawandel zu lernen und darüber, was jeder Einzelne tun kann. Zu den wichtigsten Maßnahmen gehören der Verzicht auf Fleisch, Flugreisen und unnötige Autofahrten, aber auch die Sensibilisierung der Gesellschaft. Darüber möchten sich einige Studierende nun in Nachhaltigkeitsorganisationen engagieren oder Praktika mit dem Ziel eines möglichen Berufseinstiegs im Bereich Nachhaltigkeit absolvieren.

IRENA-Gastvortrag im Nachgang

Als Folgeveranstaltung hielt Dr. Roland Rösch, stellvertretender Direktor von IRENA (Internationale Agentur für Erneuerbare Energien) einen Gastvortrag vor den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Climate Action Simulation. IRENA ist eine zwischenstaatliche Organisation, die Investitionen und Methoden analysiert, die erforderlich sind, um die Welt auf den Weg zu einer sauberen, klimaresistenten Energieumwandlung zu bringen, und die Politikgestaltung ihrer Mitgliedstaaten analytisch unterstützt. Dr. Roesch wies darauf hin, dass die weltweite Industrie sich verändern muss, um die globalen Klimaziele zu erreichen. Die Studierenden verstanden die Botschaft: Viele von ihnen wollen jetzt einen künftigen Arbeitgeber wählen, der ehrgeizige Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels ergreift.