07.04.2020

„Flatten the curve“ gilt auch für Ökonomen

Forschungsseminar zu den wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronakrise

ESB-Professorin Anna Göddeke mit einem Teil ihrer Studierenden im Seminar "The economic impact of the Corona crisis"

Von Katrin Reil

Die Corona-Pandemie beschäftigt derzeit Wissenschaftler aller Disziplinen – auch an der ESB Business School. Anna Göddeke, Professorin für Industrieöknomik, bietet im Bachelor-Studiengang International Business das Forschungsseminar „The economic impact of the Corona crisis“ an – als Online-Veranstaltung. Im Interview erzählt Sie mehr über die Seminarinhalte, die Online-Lehre und warum auch für Ökonomen derzeit „flatten the curve“ das wichtigste Stichwort ist.

Frau Göddeke, wie ist die Idee zu einem Seminar über die Corona-Krise so kurzfristig entstanden?

Es gibt in International Business jedes Semester ein freiwilliges Forschungsseminar, in dem Professorinnen und Professoren aktuelle Themen aus ihrem Fachbereich vorstellen. Ich war jetzt an der Reihe und wollte eigentlich über Entwicklungshilfeökonomie sprechen. Unter den aktuellen Gegebenheiten bat es sich aber an, das Thema zu ändern. Für viele unserer Studierenden ist das die erste große Wirtschaftskrise, die sie bewusst erleben. Es wäre schade, dies in einem Betriebswirtschaftsstudium nicht zu thematisieren.

Um welche Inhalte geht es beispielsweise?

Wir haben erst einmal zusammengetragen, welches Vorwissen die Studierenden hatten. Ich war wirklich beeindruckt, wie aktiv sie die Wirtschaftsnachrichten verfolgen und wie gut sie vorbereitet waren. Im Anschluss haben wir versucht, das aktuelle Geschehen mit dem zu verknüpfen, was sie bisher im Studium gelernt haben.

Welche Punkte kamen dabei zur Sprache?

Die ersten Auswirkungen der Coronakrise waren ein starker Angebotsrückgang („Supply Shock“) durch Quarantänen, Social Distancing und Disruptionen in den weltweiten Lieferketten. Dies hatte dann auch einen Einfluss auf die Nachfrage („Demand Shock“): Einerseits gab es die berühmten Hamsterkäufe bei Klopapier, Hefe und Masken, also eine stark steigende Nachfrage. Andererseits haben andere Branchen wie Bekleidungsgeschäfte, Bars oder Kinos auf einmal geschlossen. Auch die Ausgaben für größere Konsumgüter wie Autos oder Smartphones werden reduziert, weil es zu viele Unsicherheiten über den weiteren Verlauf der Pandemie gibt. Gleiches gilt auch für Firmen. Sie wissen nicht, wann sie wieder zum normalen Geschäft zurückkehren können und reduzieren ihre Investitionen. Im Extremfall geraten sie in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten und müssen Insolvenz anmelden, das wirkt sich wiederum auf die Mitarbeiter und ihr Kaufverhalten aus. Wir landen in einer Abwärtsspirale, die Wirtschaftsleistung sinkt und wir sind in einer Rezession.

Also nur schlechte Nachrichten?

Die entscheidende Frage, die zurzeit niemand beantworten kann, ist wie lange die Krise dauert. Wenn wir relativ schnell wieder zum „Normalzustand“ zurückkehren können, besteht die Hoffnung, dass sich auch die Wirtschaft schnell wieder erholt. Im Gegensatz zu Naturkatastrophen werden gerade keine materiellen Werte zerstört, die man erst einmal wiederaufbauen muss. Prinzipiell könnten die Menschen also sehr schnell wieder anfangen, ihren Konsum auszudehnen.

Je länger die Krise dauert, je mehr Firmen Insolvenz anmelden und je mehr Menschen ihr festes Einkommen verlieren, desto schlimmer wird die Rezession verlaufen. Auch Ökonomen sprechen deshalb von „flatten the curve“, aber wir wollen die Rezessionskurve abflachen.

Was interessiert die Studierenden aus wirtschaftlicher Sicht am meisten an der Coronakrise?

Bisher haben wir besprochen, wie die Entwicklung bis zu diesem Zeitpunkt verlief und wie es vermutlich weitergehen wird. Für die kommenden Veranstaltungen haben die Studierenden Interesse an verschiedenen Themen angemeldet: Was kann der Staat tun, um die Rezessionskurve flach zu halten? Ist ein bedingungsloses Grundeinkommen eine gute Idee? Helfen sogenannte Coronabonds? Wer bezahlt die Staatsschulden, die wir aktuell machen? Wie sind die wirtschaftlichen Auswirkungen insbesondere auch auf Entwicklungsländer?

Eine andere Idee ist es, in die Vergangenheit zu schauen, auf die wirtschaftlichen Auswirkungen der Spanischen Grippe und die dazu betriebene Forschung. Außerdem treibt viele Studierende natürlich gerade die Frage um, welche Auswirkungen die Coronakrise bzw. eine wirtschaftliche Rezession auf ihre eigene berufliche Zukunft hat.

Zur Didaktik: Das Seminar findet online statt. Wie funktioniert das Ganze?

Einen „seminaristischen“ Charakter herzustellen ist natürlich nicht ganz so einfach, wenn man nicht zusammen in einem Raum sitzt. Zum Glück gibt es die Möglichkeit, die Veranstaltung per Videostream zu übertragen, auch wenn das natürlich nicht das Gleiche wie Präsenzlehre ist. Vorab stehen Informationsmaterialien wie Zeitungsartikel, Podcasts oder weitere Veröffentlichungen zur Verfügung. Damit haben die Studierenden eine Grundlage und können direkt mitdiskutieren.

Wie ist die Rückmeldung zum Umstieg auf Online-Lehre?

Insgesamt ist die Stimmung ganz gut. Viele Studierende sind froh, dass das Semester überhaupt weitergehen konnte. Und wir können glaube ich sehr stolz darauf sein, wie viel wir in den vergangenen Wochen auf die Beine gestellt haben. Von einem Tag auf den anderen haben wir unsere Lehre auf Onlineveranstaltungen umgestellt. Die Studierenden sehen diese Bemühungen auch und sind tolerant, wenn mal etwas nicht so klappt, wie geplant. Wir können für den Moment sehr gut mit Online-Lehre leben. Aber sowohl die Studierenden als auch wir Lehrende freuen uns natürlich, wenn wir irgendwann zu Präsenzveranstaltungen zurückkehren können.