14.04.2020

Müllinseln im Urlaubsparadies

Interview mit Prof. Dr. Florian Kapmeier (ESB) und Professor Paulo Gonçalves, PhD (USI)

Foto: Martin Zinggl

Von: Jessica Stepanek

Wann immer einzelne Nachrichten die öffentliche Wahrnehmung dominieren, geraten andere wichtige Themen unserer Zeit in den Hintergrund. Einem solchen widmet sich der Spiegel-Autor Martin Zinggl in seinem Beitrag "Die Müllinsel – Das Abfallproblem der Malediven”. Er bezieht sich auf Erkenntnisse, die auf Untersuchungen von Professor Dr. Florian Kapmeier und Co-Autor Professor Paulo Gonçalves, PhD von der Università della Svizzera italiana (USI), Schweiz, beruhen. Sie haben das Spannungsfeld zwischen Wirtschaftswachstum und Abfallwirtschaft analysiert und ihre Erkenntnisse in ihrem Forschungsbericht Wasted paradise? Policies for Small Island States to manage tourism‐driven growth while controlling waste generation: the case of the Maldives veröffentlicht. Das Paper ist in der Ausgabe zum 60. Jubiläum von System Dynamics in der System Dynamics Review erschienen. Im folgenden Interview erlauben beide Autoren darüber hinaus einen Einblick in ihre Forschung und ihre Zusammenarbeit.

Prof. Kapmeier und Prof. Gonçalves, was gab den Anreiz zu diesem Forschungsinteresse?

Kapmeier: Viele Menschen empfinden die Malediven als "Paradies", mit türkisfarbenem Ozean und weißen Sandstränden. In den letzten 40 Jahren ist die Anzahl der Touristen, die auf die Malediven reisen, exponentiell gestiegen. Vor Ort entstanden viele neue Arbeitsplätze in der Dienstleistungsbranche und die Wirtschaft profitierte davon erheblich. Mit den steigenden Touristenzahlen kam aber auch der Abfall. Um diesen zu entsorgen, beschloss die Regierung, eines der Atolle, Thilafushi, in eine Müllinsel zu verwandeln. Heute türmt sich dort der Müll mehr als 20 Meter auf - die höchste Erhebung der Malediven. Was für eine giftige Zeitbombe! Ich war überrascht, dass die Regierung dies zulässt - und wollte mehr über die Gründe und die möglichen langfristigen Folgen dieser Politik erfahren. Mich beschäftigten Fragen wie: Welche Auswirkungen hat das Müllproblem auf die Schönheit der Malediven – welche die Inselgruppe ja so attraktiv für Besucher macht – und auf das Wirtschaftswachstum der Region?

Paulo und ich nahmen beide an der System Dynamics-Konferenz im Jahr 2012 teil. Da ich schon lange mit ihm arbeiten wollte, erzählte ich ihm von diesem Thema und fragte ihn, ob er es mit mir näher untersuchen wolle.

Gonçalves: Als Florian mir davon erzählte, war ich sofort fasziniert von der Idee und von der Möglichkeit, in der paradiesischen Umgebung der Malediven angewandte Forschung zu betreiben...(schmunzelt). Spaß beiseite, bei näherer Betrachtung wurde mir schnell klar, dass die Situation auf den Malediven zwar eigenartig, aber nicht einzigartig ist. Tatsächlich sind kleine Inselstaaten, die sogenannten Small Island Developing States (SIDS), häufig mit dieser Art von Problem konfrontiert. Uns war klar, dass wir auf eine generelle und relevante Problematik gestoßen waren, die es zu untersuchen galt.

Wie haben Sie den Sachverhalt untersucht?

Kapmeier: Wir haben ein generisches System Dynamics-Modell für das Spannungsfeld zwischen tourismusgetriebenem Wirtschaftswachstum und Umweltzerstörung entwickelt. Für unsere Analyse sammelten wir Daten über die Entwicklung der Malediven in den letzten 40 Jahren und recherchierten die Forschungsergebnisse der vorhandenen Literatur zu diesem Thema. Die Erkenntnisse übertrugen wir in unser Modell. Im Zentrum unserer Analyse steht die Attraktivität der Malediven mit ihren Treibern: Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage, Preis der Urlaubsaufenthalte, Bewusstsein für Umweltverschmutzung, Mund-zu-Mund-Propaganda und Überfüllung der Touristenresorts.

Gonçalves: Bei der Analyse der Daten stellten wir fest, dass der Tourismus in den letzten vier Jahrzehnten stark zugenommen hat und heute etwa ein Drittel des BIP des Landes ausmacht. Der Tourismus ist also eine wichtige Einnahmequelle des Landes. Aus den Daten ging auch hervor, dass die Regierung plant, die bestehende Bettenkapazität, deren Aufbau bisher 40 Jahre dauerte, nun in nur 6 Jahren zu verdoppeln.Eine zentrale Herausforderung bei unserer Analyse war die Kalibrierung eines recht großen mathematischen Modells an das breite Spektrum von Datenreihen. Trotz der guten Datenverfügbarkeit mussten wir neue Kalibrierungsmethoden entwickeln, um dem spezifischen Fall der Malediven gerecht zu werden.

Sie haben also auch Herausforderungen im Forschungsprozess erfolgreich gemeistert. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse Ihrer Studie?

Gonçalves: Wir haben drei verschiedene Politikszenarien bis 2050 entwickelt: Förderung des Wachstums, Eindämmung des Wachstums und der Fokus auf Abfallmanagement. Die wichtigste Erkenntnis ist, dass die von der Regierung geplante Wachstumspolitik, also Szenario Nr. 1, letztendlich zu einer hohen Umweltzerstörung führen wird. Als zweite Erkenntnis stellten wir fest, dass die Politik, die den Tourismus einschränkt, langfristig vielversprechender ist, auch aus wirtschaftlicher Sicht: Durch die Einführung einer Politik, die den Tourismus einschränkt und die Zugangspreise erhöht (Szenario 2), können die Malediven ihre wirtschaftliche Position verbessern und gleichzeitig die Umwelt langfristig erhalten. Diese Maßnahmen scheinen kontraintuitiv, sind aber langfristig nachhaltiger und auch ökonomisch sinnvoller.

Kapmeier: Und drittens – das würde man so ebenfalls nicht erwarten – stellten wir fest, dass eine Politik, die sich nur auf ein besseres Abfallmanagement konzentriert (Szenario 3), langfristig auch selbstzerstörerisch ist. Das hebt Martin Zinggl in seinem Artikel im Spiegel hervor: Eine Fokussierung auf Abfallwirtschaft könnte zwar kurzfristig helfen die Zerstörung der Umwelt zu verhindern. Aber sie verstärkt eben unvermindert die Attraktivität der Malediven. Was zunächst also gut klingt, ist dauerhaft ein Problem: denn dadurch kommen langfristig immer mehr Touristen, die Infrastruktur wird weiter ausgebaut und es entstehen in Zukunft noch größere Müllmengen.

Das Wachstum einzuschränken scheint demnach der beste Ansatz. Wie können die Ergebnisse Ihrer Studie konkret genutzt werden?

Kapmeier: Die Analyse ist für alle Entscheidungsträger und Politikgestalter in kleinen Inselstaaten von Interesse. Sie hilft ihnen, das Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach wirtschaftlichem Wachstum und dem Umgang mit der Müllproblematik besser zu verstehen. Sie können ihre derzeitige Politik und Entscheidungsfindung im Bereich Tourismus und Abfall unter Berücksichtigung einer langfristigen Perspektive neu bewerten.

Gonçalves: Da die Erkenntnisse jedoch kontraintuitiv sind, sind sie auch schwierig umzusetzen. Die vielleicht größte Herausforderung ist die Tatsache, dass kurzfristig ein anhaltendes Tourismuswachstum viel reizvoller scheint als jede andere Option. Um das Beste aus unseren Erkenntnissen zu machen, müssen sich die Entscheidungsträger also auf die langfristige Entwicklung ihrer Länder konzentrieren. Um zur Diskussion und möglichen Folgeuntersuchungen einzuladen, haben wir das Modell online frei zugänglich gemacht. Es ist auch völlig transparent und dokumentiert.

Vielen Dank für das Gespräch!