07.05.2019 | ESB Topnews, Forschung

Was steckt hinter "truly international“?

Interview: Prof. Dr. Hazel Grünewald forscht zum Thema Internationalisierung von Hochschulen

Was steckt hinter "truly international"? Das erklärt Prof. Dr. Hazel Grünewald im Interview / What`s behind "truly international"? Prof. Dr. Hazel explains.
Was steckt hinter "truly international"? Das erklärt Prof. Dr. Hazel Grünewald im Interview / "What`s behind "truly international"? Prof. Dr. Grünewald explains.

Von: Lena Jauernig / Hazel Grünewald

Gerade hat die Hochschule erfolgreich den Re-Audit-Prozess der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) zur Internationalisierung durchlaufen. Anlass für ein Interview mit Prof. Dr. Hazel Grünewald, Leiterin des Ressorts „Internationale Beziehungen“ an der ESB Business School und Sprecherin der Forschungsgruppe "Internationalisierung". Sie hat kürzlich zwei wissenschaftliche Fallstudien veröffentlicht, die sich mit internationalisierten Lehrplänen und internationalen Praktika befassen. Als Fallbeispiel zogen Grünewald und ihre Co-Autoren Prof. Baldur Veit und Joanne Corlett die Hochschule Reutlingen und insbesondere die Fakultät ESB Business School heran. Im Interview gibt sie Einblicke in ihre Arbeit und erläutert, wie die ESB Business School Studierende auf ein globalisiertes Arbeitsumfeld vorbereitet:

Was erwarten internationale Unternehmen von Hochschulabsolventen? Noch stärker gefragt als Fachwissen sind Problemlösungskompetenzen in einem globalen Kontext, Teamfähigkeit und (interkulturelle) Kommunikation. Ein 2018 von QS World University Rankings veröffentlichter Bericht zeigt: Fragt man Studierende und Arbeitgeber, was Schlüsselkompetenzen sind, fallen die Einschätzungen unterschiedlich aus. Studierende konzentrieren sich oft auf ihre Noten, Arbeitgeber gewichten Fähigkeiten wie Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und Belastbarkeit stärker. Times Higher Education gibt an, dass Praxiserfahrung der wichtigste Indikator für die „employability“ von Studierenden sei. Umfragen unter Branchenfachleuten bestätigen diese Aussage. Bei Personalern scheint also internationale Berufserfahrung stärker zu zählen als reine internationale Studienerfahrung.

Wie können wir als Business School die Studierenden optimal auf ein internationales Arbeitsumfeld vorbereiten? Der Anteil internationaler Studierender liegt an der ESB Business School bei rund 30%. Die Studierenden lernen also vom ersten Tag an, in internationalen Teams zu arbeiten und werden früh für die damit zusammenhängenden Herausforderungen und Chancen sensibilisiert. Für jemanden, der in einem internationalen Geschäftsumfeld arbeitet, sind ausgezeichnete Kommunikationsfähigkeiten und Fremdsprachenkenntnisse Schlüssel zum Erfolg. Unsere Absolventen sollen mindestens eine Fremdsprache beherrschen. Das muss nicht zwangsläufig Englisch sein, auch wenn in vielen Studiengängen mehr als 30% der Vorlesungen auf Englisch stattfinden. Darüber hinaus kommt eine Vielzahl internationaler Unterrichtsmethoden zum Einsatz, darunter Simulationen, Fallstudien und Praxisprojekte. Während ihrer Zeit an der ESB können die Studierenden von internationalen Wissenschaftlern und Praktikern lernen – sowohl am Reutlinger Campus, wie auch im Ausland. Internationale Praxisorientierung ist für alle ESB-Programme von zentraler Bedeutung. In allen Studiengängen müssen die Studierenden Auslandserfahrung (Praktikum oder Studium) vorweisen. Kurz: Unsere vielfältigen internationalen Curricula tragen dazu bei, die von QS hervorgehobene Qualifikationslücke zu verringern. Unsere Studierenden entwickeln nicht nur Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit, sondern reflektieren auch ihr Verhalten und ihre Entwicklung. Als Fakultät einer Fachhochschule ist es unsere Aufgabe, Absolventen hervorzubringen, die bereit für den Arbeitsmarkt sind. Erfahrungsgeleitetes Lernen und Berufserfahrung kann nicht allein auf dem Campus erlangt werden, daher spielen internationale Praktika in unseren Lehrplänen eine wichtige Rolle. Personaler nehmen Kandidaten mit internationaler Berufserfahrung als eigenständiger, flexibler und belastbarer wahr als Kandidaten ohne diesen Erfahrungshintergrund.

Woran machen wir an der ESB den Erfolg unserer Internationalisierungsstrategie und –aktivitäten fest? Studieninteressenten geben durchgehend an, dass das internationale Profil ausschlaggebend für die Bewerbung an der ESB Business School war. Darüber hinaus bezeugt die „global employability“ unserer Studierenden unsere effektive Internationalisierungsstrategie. Von derzeit über 7.600 ESB Alumni, die bei LinkedIn registriert sind, leben und arbeiten über 25% außerhalb Deutschlands. Viele von ihnen sind in leitender Position tätig. Wir bitten außerdem Stakeholder wie Industrievertreter, Studierende und Alumni regelmäßig um Feedback. Natürlich sind auch unsere hervorragenden Ranking-Ergebnisse (z.B. CHE, U-Multirank und Trendence) und Akkreditierungen (FIBAA) externe Messgrößen für unseren Erfolg, da sie die Internationalisierung mitbewerten. Die Hochschule wurde von der HRK (Internationale Rektorenkonferenz) im Bereich der Internationalisierung geprüft und durchlief erfolgreich einen Reaudit-Prozess. In Deutschland werden wir regelmäßig von akademischen Gremien aufgefordert, in fachlicher Hinsicht in internationalen Angelegenheiten zu beraten. Zu guter Letzt möchte ich auf eine solide interne Qualitätssicherung unserer Curricula hinweisen. Diese trägt dazu bei, dass wir unsere Internationalisierungsstrategie erfolgreich umsetzen und kontinuierlich verbessern. 

Was zeichnet ein gutes internationales Curriculum aus? Es gibt nicht das eine Curriculum, das für alle passt. Wir setzen auf die Vielfalt unserer Programme, da diese speziell auf Bedürfnisse des Marktes zugeschnitten sind. Wir haben jedoch Kriterien definiert, die einen Studiengang als „international“ definieren, die meisten unserer Programme sind das. Wichtig ist, dass wir keine Internationalisierungsstrategie um deren selbst willen verfolgen. Alle internationalen Maßnahmen müssen zur Erreichung unserer Mission und der von uns definierten zentralen Lernziele beitragen. Das bedeutet zum Beispiel, dass Studierende beim Fremdsprachenerwerb spezifisches Vokabular an die Hand bekommen, um Probleme in einem fremden Umfeld besser lösen zu können, außerdem werden mögliche interkulturelle Kommunikationsfallen beleuchtet. Auslandspraktika ermöglichen es den Studierenden, Fremdsprachenkenntnisse und Problemlösungskompetenzen in realen internationalen Geschäftssituationen anzuwenden.

Wie können wir den Lernerfolg internationaler Praktika unterstützen? Wir versuchen an erster Stelle sicherzustellen, dass die Studierenden ausreichend für ihr Praktikum qualifiziert sind. Bevor es ins internationale Praktikum geht, erwerben sie bestimmte Fähigkeiten und Wissen, sie erhalten aber auch praktische Unterstützung für das Praktikum selbst. Wir bieten Beratung zu internationalen Bewerbungsprozessen an. In einigen Programmen geben diejenigen, die bereits ein Praktikum absolviert haben, ihre Erfahrungen an die niedrigeren Semester weiter. Dieser Austausch hilft, sich auf Praktika vorzubereiten. Die Studierenden müssen einen Praktikumsbericht einreichen und mitunter in einem Kolloquium verteidigen. Einige Studierende schreiben ihre Abschlussarbeiten im Rahmen eines Auslandspraktikums. Insbesondere bei Abschlussarbeiten in internationalen Unternehmen ist eine gute Kommunikation zwischen akademischem Betreuer, Unternehmensbetreuer und Studierendem wichtig. Bestehen zum Beispiel unterschiedliche Erwartungshaltungen an die Arbeit können potentielle Probleme so abgefedert werden. Ein Beispiel: akademische Betreuer legen in der Regel mehr Gewicht auf gutes wissenschaftliches Schreiben, Unternehmensvertreter dagegen priorisieren einen praxisbezogenen Bericht, der Probleme und Lösungen umreißt. Klare Prozesse und Richtlinien stellen sicher, dass die definierten akademischen Ziele erreicht werden. 

Was zeichnet eine internationale Business School abgesehen vom Lehrplan noch aus? Eine internationale Community aus Lehr- und Verwaltungspersonal sowie Studierenden. Dass internationale Studierende an vielen Aktivitäten teilnehmen: Sport, Theater, die Organisation einer Messe oder die Beteiligung an sozialen Projekten. Erwähnenswert ist auch das internationale Flair auf dem Campus und die enge Gemeinschaft. Dozenten und Mitarbeiter werden ermutigt, Partneruniversitäten zu besuchen um von deren Best Practices zu lernen, außerdem treffen sie sich regelmäßig, um verschiedene Themen anzusprechen. Dieser funktionsübergreifende, organisationsübergreifende Ansatz hilft uns, Probleme aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und kreative und effektive Lösungen anzubieten.