Welchen Preis sind wir bereit, für Moral zu bezahlen?

Was 1998 mit großen Ambitionen begann, ist heute ein fester Beitrag zum Dialog zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft auf dem Campus der Hochschule Reutlingen. Zur Jubiläumsausgabe kehrte einer der Gründer zurück: Alexander Luft erinnerte sich an die Anfänge des Formats und zitierte die KI zur Frage, was das ESB Wirtschaftsforum sei: Ein „Debattenradar mit Talentnähe“. Eine treffende Momentaufnahme für eine Veranstaltung, die sich seit ihrer Gründung immer wieder neu erfindet.
Die Vision des ersten Teams war dabei von Anfang an groß: Mit einer ambitionierten Wunschliste an Referenten, von führenden Köpfen der Wirtschaft bis hin zu Michail Gorbatschow, wollte das studentische Team man direkt ein Zeichen setzen. Schirmherr der Auftaktveranstaltung war damaliger Kanzler Helmut Kohl. Mit einem Augenzwinkern blickt Alexander Luft zurück: „Ob er es persönlich jemals mitbekommen hat, weiß ich nicht, aber zumindest bekamen wir ein Grußwort von ihm.“
Kreative Ideen gehören auch seit jeher zum Format. An die Sorge, ob sich zur ersten Veranstaltung überhaupt genügend Gäste einfinden würden kann sich Luft noch gut erinnern. Die Lösung: Das Studierenden-Team konnten ein Weingut Sponsor gewinnen. Es gab kostenlosen Wein und der Saal war voll.
Heute, fast drei Jahrzehnte später, ist aus der damaligen Auftaktveranstaltung längst eine etablierte Plattform geworden. Unter dem Leitthema „Der Preis der Moral – Balanceakt zwischen Sozialverantwortung und Wirtschaftskraft“ diskutierten Expertinnen und Experten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft über die Grenzen und Möglichkeiten eines Systems, das gleichermaßen auf Solidarität und Leistungsfähigkeit angewiesen ist.
Eine Einordnung for moralisches Handeln in der Wirtschaft lieferte Dr. Bernd Villhauer, deutscher Philosoph, Publizist und Senior Advisor Finance am Weltethos-Institut in Tübingen, gleich zu Beginn der Diskussion: „In der Wirtschaftsethik versuchen wir zu klären, was die interessanten Fragen in Entscheidungssituationen sind. Ethik ist dabei nichts Begrenzendes, Beschränkendes, Kleinmachendes. Ethik sollte ein Innovationsmotor sein, sollte uns auf neue Ideen bringen und sollte Entwicklung ermöglichen, neue Produkte, neue Geschäftsfelder, neue Herangehensweisen.“
Stefan Wolf sieht im Verhältnis zwischen Staat und Wirtschaft eine Schieflage. Der ehemalige Vorstandschef von Elring Klinger und Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall kritisiert ein tief verankertes Misstrauen gegenüber Unternehmern – kulturell wie politisch. Pointiert verwies er auf ein Beispiel aus der Popkultur: „Etwa 70 Prozent der Mörder im Tatort sind Unternehmer – der Unternehmer ist immer der Böse.“ Dieses Bild präge aus seiner Sicht auch politische Entscheidungen und begünstige eine wachsende Regulierungsdichte. Wolf plädierte daher für einen Perspektivwechsel: mehr Vertrauen in verantwortungsbewusst handelnde Unternehmen und Bürger.
Eine pauschale Kritik an Bürokratie greift für Frank-Jürgen Weise zu kurz. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit und Leiter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge ist jetzt Vorsitzender der Rentenkommission. Er plädierte für eine differenzierte Betrachtung: „Was notwendig ist, ist ein Ausbalancieren.“ Bürokratie sichere schließlich auch Rechtsstaatlichkeit und schaffe verbindliche Rahmenbedingungen. Gleichzeitig sieht er die Tendenz zur Überregulierung kritisch, denn komplexe Lebensrealitäten ließen sich nicht bis ins Detail gesetzlich abbilden.
Eine deutlichere Gegenrede lieferte Jessica Tatti, Landesvorsitzende des BSW, zuvor viele Jahre Mitglied des Deutschen Bundestags. Sie habe den Eindruck, dass in den letzten Jahrzehnten einiges dazu beigetragen wurde das Soziale aus der Marktwirtschaft zu treiben: „Wir reden jetzt wieder über großen Sozialabbau, über Deregulierung. Dass die gesetzliche Rentenversicherung sozusagen nur so ein Basisding ist und jeder selber vorsorgen sollte. Da werden Millionen Menschen sagen, das kann ich mir nicht leisten - könnte ich mir vielleicht leisten, wenn ich einen anständigen Lohn verdienen würde.“
Daran knüpfte auch Isabel Grupp-Kofler an. Die Geschäftsleiterin von Plastro Mayer in Trochtelfingen lenkte den Blick auf die konkrete Lebensrealität von Beschäftigten: „Fair ist auch, wenn der Mitarbeiter sich am Ende des Monats von dem, was er geleistet hat, auch etwas leisten kann.“ Gleichzeitig verwies sie auf strukturelle Herausforderungen wie die hohe Abgabenlast. Ihr Ansatz: mehr finanzieller Spielraum und mehr Vertrauen in die Eigenverantwortung der Menschen. Unternehmen sieht sie dabei in der Pflicht, nicht nur wettbewerbsfähig zu bleiben, sondern auch langfristig stabile Arbeitsplätze und verlässliche Einkommen zu sichern.
Nils Schmid erweiterte die Debatte um eine internationale Perspektive. Der SPD-Bundestagsabgeordnete machte deutlich, dass Fragen von Moral und Verantwortung längst global verhandelt werden, etwa im Kontext von Lieferketten und Produktionsbedingungen. Gleichzeitig warnte er vor pauschalen Urteilen gegenüber Unternehmen und betonte die unterschiedlichen Rahmenbedingungen weltweit: „Ein aus unserer Sicht sehr geringer Lohn kann in einem anderen Land für den Arbeitnehmer durchaus attraktiv sein.“ Zugleich würde der wachsende internationale Wettbewerb die Unternehmen zunehmend unter Druck setzen.
Den Blick nach vorne richtete schließlich Isabel Grupp-Kofler: Junge Talente wollten nicht nur einen guten Job. Sie wollten wissen, was sich für sie lohnt, ob sich der Einsatz auszahlt, ob vielleicht sogar Raum bleibt, etwas Eigenes aufzubauen. Dieses Versprechen gelte es aktiv zu formulieren: „Kommt nach Baden-Württemberg, wir sind Inkubator für Zukunft."
Ein Appell, der das Wirtschaftsforum genau dort enden lässt, wo es begann: mit dem Anspruch, Verantwortung nicht als Last, sondern als Gestaltungsauftrag zu begreifen.
Über das ESB Wirtschaftsforum
Moderator des ESB Wirtschaftsforums 2026 war Rainer Maria Jilg, Fernsehmoderator und Journalist. Die öffentliche Veranstaltung wurde zum 30. Mal von Studierenden der ESB Business School organisiert. Die Mitglieder des diesjährigen Kernteams waren Selin Tatli, Erdem Bulmus, Deborah Burgsmüller, Romy Moser, Mike Wurster, Anna Ruß, Sara Parkmak, Julia Maier, Roman Schempp, Antonia Palmieri und Ela Dogan.































